Schopenhauer und seine 38 Kunstgriffe der Eitelkeit

Cover "Die Kunst, recht zu behalten" von Arthur Schopenhauer

Ich würde zu gerne wissen, was sich Arthur Schopenhauer bei seinem Werk “Die Kunst, recht zu behalten” gedacht hat. Wollte er den Menschen ihre eigenen Lasterhaftigkeit vor Augen führen? Ihre Schwäche? Ihr singbefreites Siegen, um des Siegens Willen? In 38 Kunstgriffen erklärt er, wie man/frau aus so ziemlich jedem Disput als Gewinner:in hervorgeht. Egal, ob der Wahrheit genüge getan wird, und egal, ob man tatsächlich Recht hat.

Bevor man allerdings überhaupt in die Nähe der so genannten 38 Kunstgriffe kommt, muss man sich durch knapp 30 Seiten schönster neuhochdeutscher Schriftsprache wie im 19. Jahrhundert üblich von Schopenhauers Zusammenfassung der eristischen Dialektik sowie der Basis aller Dialektik kämpfen.

Bei „Die Kunst recht zu behalten“ habe ich etwas getan, was ich normalerweise selten tue. Ich habe mir im Vorfeld die Bewertungen anderer Leser:innen bei Goodsreads angeschaut. Und sie waren stellenweise vernichtend. Die prägnanteste Aussage lautete in etwa „Die Kunst, ein Arschloch zu werden“.

Ein Anleitung zum Arsch sein?

Während ich mich nach und nach durch alle 38 Kunstgriffe gelesen habe, mal mit einem großen und mal mit einem kleinen Fragezeichen vor den Augen, kamen meine Gedanken dieser Aussage recht nahe. Obwohl es meiner Meinung nach nicht vorrangig darum ging ein Arschloch zu werden, sondern darum, Recht zu haben und nach außen hin zu behalten – rein um des Recht habens Willen.

Um ehrlich zu sein, ich habe gekämpft. Mit mir gehadert und war kurz davor, das kleine Büchlein einfach abzubrechen und beiseite zu legen. Nicht wegen des Inhalts, sondern weil die Texte für meine Verhältnisse zu sehr mit lateinischen und altgriechischen Begriffen gespickt war, was das Lesen in Verbindung mit einer Reihe weiterer lustig klingender Fremdwörter mehr als anstrengend macht – ich sage nur Prosyllogismen.

Eitelkeit, der Menschen Laster

Jetzt am Ende frage ich mich, ob die 1 Stern Bewerter:innen das Buch wirklich beendet haben. Denn, was Arthur Schopenhauer anfangs bereits erwähnt, nämlich, dass es den meisten Disputant:innen gar nicht darum geht, die Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern vor den anderen gut dazustehen. Aus dem Streitgespräch als Sieger:in hervorzugehen und als kleines Schmankerl den/die Gegenspieler:in noch ein wenig abzukanzeln und ins Lächerliche zu ziehen. Er schreibt es der Schlechtigkeit der Menschen zu, gar nicht anders handeln zu können.

Er verweist von Beginn darauf hin, dass der Mensch weiter und weiter diskutiert, in der Hoffnung ihm/ihr möge während des Disputs doch noch das passende Argument einfallen, das seine/ihre Behauptung schließlich unumstößlich als die Wahrheit begründet, auch wenn er/sie für sich erkannt hat, dass auch die Behauptung des/der anderen durchaus gerechtfertigt ist.

Gewinnen um des Gewinnens willen. Als Sieger:in hervorgehen. Egal, ob Sport, Spiel, Krieg oder Disput. Laut Schopenhauer liegt es in der Natur des Menschen aus jedem Konkurrenzkampf, aus jedem Wettbewerb als Sieger:in hervorzugehen. Letztlich, egal wie. 

Lasst die eitlen Fatzkes reden

Am Schluss spannt Schopenhauer noch einmal den Bogen zum Verstand der Menschheit, nachdem er erklärt hat, auf welche 38 Arten der Mensch dieses Ziel erreichen kann oder zu erreichen sucht, in dem er/sie in seinem Schlusswort (oder vielmehr der eigentlich geplanten Einleitung) darauf, verweist, dass man sich besser an Aristoteles hält und „Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren; sondern allein mit solchen, die man kennt, und von denen man weiß, daß sie Verstand genug haben, (…) um mit Gründen zu dispceren und nicht mit Machtsprüchen, und auf die Gründe eingehen, und daß sie die Wahrheit schätzen.“ (Schopenhauer, “Die Kunst, recht zu behalten”, S. 85)

„Daraus folgt, daß unter Hundert kaum einer ist, der wert ist, daß man mit ihm disputiert. Die übrigen lasse man reden, was sie wollen, denn desipere est juris gentium (Dumm zu sein ist Menschenrecht).“
Arthus Schopenhauer “Die Kunst, recht zu behalten”, S.85

 

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